Romanbeginn
Kapitel 1 - Wie alles begann
Ich. Manuel.
Ich war noch nie so schlecht vorbereitet auf ein Date – und zugleich so verdammt gut. Clara stand neben mir im Neonlicht-Albtraum des Outletcenters, wo es immer nach Sonderaktion, Polyester und Montag roch. Sie wartete geduldig, während in meinem Kopfkino die kommende Nacht ablief, in abgehackten Szenen, die schneller flackerten als die Rabattschilder an den Wänden.
Sie zog mich am Ärmel Richtung Schuhabteilung. Die Regale voller klobiger, neonfarbener Sneakers wirkten, als hätte jemand die Reihen mit Textmarkern angestrichen.
„Schau, die hätten deine Größe!“
„Ich such keine Turnschuhe“, murmelte ich, „sondern einen Anzug, in dem ich beim Swinger-Event nicht aussehe wie ein Controller auf Abwegen.“
Dass wir hier standen, war absurd.
Vor zwei Jahren hatten wir uns auf einer Plattform für Erwachsene kennengelernt – ein Ort, wo Hy (!sic!) als Bewerbungsschreiben galt und Wie geht’s? Tolles Profil schon die Definition eines literarischen Höhenflugs erfüllte, wenn es halbwegs fehlerfrei geschrieben war.
Keine Ahnung, was Männer sich von solchen Anschreiben erwarteten. Konnte man etwa mit einer Hand nicht besser schreiben? Man hätte das Gerücht in die Welt setzen sollen: Wie die Nachricht eines Mannes, so sein Johannes! Das wäre möglicherweise die einzige Form der Qualitätssicherung gewesen, die gefruchtet hätte.
Wobei – aus eigener Erfahrung: Wissenschaftlich hielt diese These ohnehin nicht stand, sonst ginge ich heute glatt als John Holmes durch. Denn wenn ich jemanden anschrieb, dann so richtig! Und in den meisten Fällen bekam ich Antworten.
Man hob sich damit eben sofort ab von den anderen, und das war gerade auf solchen Plattformen kein Fehler.
Ich hatte Clara einen halben Roman geschickt, und sie mochte ihn so sehr, dass sie mit einem Essay antwortete. Wir fanden recht schnell heraus, dass wir nicht nur sprachlich, sondern auch im Bett zumindest theoretisch kompatibel waren.
Aus einer Sexgeschichte mit Potenzial für eine Freundschaft+ wurde sehr bald etwas anderes: Eine Liebe, wie wir sie beide nicht erwartet hatten. Intensiv und sexuell so erfüllend, dass es uns selbst überraschte.
Vielleicht lag es daran, dass wir beide keine unbeschriebenen Blätter mehr waren. Mit meinen einundfünfzig Jahren und Claras vierundvierzig hatten wir genug Ballast abgeworfen, um wieder leicht zu werden. Wir fühlten uns an wie ein Livealbum von Wolfgang Ambros oder STS: Die Hülle hat ein paar Kratzer und die Stimme ist eine Nuance rauer als früher, aber dafür ist alles verdammt gut eingespielt und kommt ohne jede Spur von Playback aus.
Genau diese Lust weckte bald die Neugier auf noch mehr. Die Fantasie war nicht neu; sie hatte uns beide schon in früheren Beziehungen begleitet, blieb dort jedoch Theorie. Mit uns bekam sie einen Boden. Von Anfang an ging sie uns nicht mehr aus dem Kopf. Mal laut, mal leise, mal heiß, mal unbequem. Aber immer reizvoll.
Es ging ums Teilen. Nicht beim Italiener um die Ecke, sondern im Schlafzimmer. Oder besser gesagt: im Swingerclub. Fremde Körper spüren. Wildes Durcheinander. Lust hören. Ekstase riechen. Und im Idealfall: mittendrin statt nur dabei.
Ja, ich wollte sehen, wie Clara sich einem anderen Mann hingab. Oder mehreren. Nicht als Akt des Kontrollverlusts, sondern als Ausdruck einer alten Fantasie von mir, die sich endlich bewegen wollte.
Die Premiere hätte schon drei Wochen früher stattfinden sollen. Auf einem FKK-Event in einem Etablissement in Niederösterreich – weit genug entfernt von meinem persönlichen Umfeld, um anonym zu bleiben. Die Homepage warb offensiv mit Superlativen und der Quadratmeterzahl des Geländes, aber beim Sex kam es auf Größe bekanntlich nicht an.
Was uns letztlich überzeugte, war die Paar-Exklusivität. Ein Filter, der uns Sicherheit vorgaukelte. Dennoch blieb die Sorge: Würde es eine Orgie deluxe werden oder doch eher die Faszination des Grauens in Adiletten und Feinripp?
Das Grafikdesign der Website, eine wilde Mischung aus Word-Art-Logos und schlecht ausgeleuchteten Wellness-Bereichen, versprach jedenfalls mehr Neonröhren als jene Exotik, die man dort zu verkaufen versuchte.
Trotzdem: Wir hatten uns angemeldet. Entschlossen. Offen für alles. Für andere Körper, neue Erfahrungen, fremde Reize – und ja: auch für die Möglichkeit, dass es zu viel sein könnte. Zu echt. Zu roh. Zu nah.
Denn: Fantasie ist das eine. Realität etwas völlig anderes. Doch dann: Corona. Drei Tage vor dem Event. Positive Tests, negative Stimmung. Statt schamloser Nacktheit und lautem Stöhnen gab es Quarantäne, Fieber und Hühnersuppe.
Kein Orgasmus, dafür der tiefe Sinn für die Ironie des Lebens. Universum 1: Swingergott 0. Ein bisschen Erleichterung, zugegeben, war dabei. Aber kaum waren wir wieder gesund, juckte es erneut. Nicht zwischen den Beinen, sondern zwischen den Ohren. Die Vorstellung, es nicht wenigstens versucht zu haben, wurde unerträglich. Fast schon wie ein Versäumnis.
Also: Neustart. Diesmal richtig. Diesmal mit Entschlossenheit.
Und vor allem: Diesmal tatsächlich.
...
Selbstzweifel in Laufschuhen
Ich. Manuel.
Und dann war da Jürgen. Wie ein etwa Sechzigjähriger so austrainiert sein konnte, war mir ein Rätsel. Alte Selbstzweifel zogen an mir vorbei wie eine Rücklichterkolonne auf der Gegenfahrbahn.
Er war der erste Mann, den ich beim Sex gesehen hatte. Live, neben mir, in derselben Matratzengegend. Und er war, objektiv betrachtet, beeindruckend. Eine Maschine. Er ließ nicht locker. Er hatte eine Energie, die ich eher von Trailrunnern erwartet hätte. In einem Schlafzimmer hätte ich so etwas nie vermutet. Ich wusste damals nicht, was ich heute weiß: In der Population gibt's Männer – und dann gibt es Jürgen. Outlier. Außerhalb der Norm, ausgestattet nicht nur mit einer Libido und Ausdauer eines Automatik-Chronometers, der sich mit jeder Bewegung neu aufzog, sondern auch mit der dazugehörigen Fitness.
Was bringt's, wenn du willst, aber nicht kannst?
Was bringt's, wenn du kannst, aber nicht willst?
Jürgen wollte. Und Jürgen konnte. Ewig.
Dumm nur, dass ich damals nicht wusste, wie außergewöhnlich Jürgen war. Für mich war er: die Benchmark.
Wenn der Erste, den du siehst, nicht einfach nur gut ist, sondern die Skala sprengt, passiert im Kopf etwas Gefährliches: Du verwechselst eine Ausnahme mit der Regel. Plötzlich war beim Sex gut sein keine Frage von Stimmigkeit oder Nähe mehr, sondern von Minuten pro Satz, Sätzen pro Stunde und der Anzahl der Crescendi. Clara sagte bei ihm irgendwann „Ich kann nicht mehr" – und in mir übersetzte sich das zur schlechtesten aller Übersetzungen: Wenn sie bei ihm nicht mehr kann, bei mir kann sie aber immer noch, dann bin ich ihr nicht gut genug.
Ich hörte in diesem einen Satz nicht ihre Erschöpfung, sondern meinen Mangel. Ein absurdes Rechenbeispiel, aber mein Kopf rechnet gern absurd, wenn's ans Eingemachte geht.
...
Das Absurde: Mein Körper funktionierte ja, mein Kopf beobachtete, und beides zusammen hätte locker gereicht für zufrieden. Aber dieses Bild von Jürgen … Es hämmerte in mir wie ein Vergleich, den ich nie gewinnen konnte.
In dieser Schieflage legte ich mir eine zweite falsche Folgerung zurecht: Wer die Partnerin häufiger zum Orgasmus bringt, ist besser im Bett. Klingt logisch, ist aber eine Milchmädchenrechnung. Häufigkeit ist keine Qualität. Orgasmen sind keine Medaillen. Nähe, Aufmerksamkeit, Hingabe – das ist die Musik. Ich wusste es theoretisch. Praktisch stand ich neben einem Mann, der weder Takt noch Timing verloren hatte und obendrein noch lief, wenn andere längst in der Mixed Zone Interviews gaben.
Kurz: Ich fühlte mich klein. Nicht für lang – aber intensiv. Und sehr konkret. Auf dem Rückweg im Auto saß neben mir die Frau, die mit mir die erfüllendste, erwachsenste Sexualität meines Lebens lebte … und trotzdem nagte da ein Zweifel: Reicht's? Ich? Für sie? Es war keine Eifersucht. Es waren Selbstzweifel in Laufschuhen.
Der Hausfreund
Ich. Clara.
Der Rückweg war leiser als die Hinfahrt. Wir beide trugen etwas mit uns, das Worte nur gestört hätten: ein sattes, weiches Nachglühen – und dazwischen einzelne, helle Saiten, die nachzitterten.
Ich dachte an Jürgen.
Nicht an seine Hände … obwohl. Nicht an seine Kondition … obwohl. Aber vor allem dachte ich an die Minuten dazwischen: an seine Art, ein Gespräch zu öffnen wie andere eine Flasche Wein. Ich mochte ihn. Nicht als Alternative. Als Addition.
„Pia und Magnus sind außergewöhnlich", sagte er irgendwann. „Paula und Tim sowieso. Und Jürgen …", er machte eine kleine Pause, ließ den Namen nachhallen, „… ist ein Unikat."
Ich lächelte ins Dunkel hinaus. „Charismatisch, intelligent, witzig. Und ein Körper, der Dinge kann, für die wir beide vermutlich erst mal Dehnübungen bräuchten."
Manuel lachte leise, nahm die Hand vom Lenkrad und legte sie kurz auf mein Knie. „Ich wollte eigentlich sagen: In Summe sind das alles Menschen, die mich interessieren, auch wenn niemand nackt ist."
„Was hältst du davon?", fragte Manuel. „Mit Jürgen wär's schön, wenn es nicht nur Erotik bliebe. Ein Freund. Ein Hausfreund, im alten, österreichischen Sinn. So wie's früher die Tante gab, die gar keine Tante war."
„Du willst ihn wirklich? Als Freund, meine ich. Nicht nur als … Clublover, sondern als Add-on."
„Ich bilde mir ein, dass ich ihn mag, auch wenn er nicht gerade mit dir wunderbare Dinge tut", sagte er schlicht.
Ein paar Kilometer später griff Manuel nach seinem Handy, reichte es mir weiter und murmelte: „Ich diktier die Stellenausschreibung. Siri versteht mich die halbe Zeit eh wieder nicht. Besser, du tippst."
[WhatsApp an Jürgen, 12:41]
Stellenausschreibung: Hausfreund (m/w/d)
Dienstort: Unser beider Zuhause im südlichen Niederösterreich und dem Pongau, Hotel Orient, sonstige Schauplätze.
Beschäftigungsverhältnis: unbefristet, Teilzeit mit voller Leidenschaft, Arbeitszeiten flexibel.
Muss-Kriterien: Geordnete Privatverhältnisse, die ein derartiges Beschäftigungsverhältnis zulassen. Takt (im Bett & im Satzbau). Diskretion (selbsterklärend). Humor (trocken, gern). Kondition (Sachverhalt bekannt).
Vergütung: warmes Willkommen, ehrliches Feedback, beste Gesellschaft, gelegentlich Sachertorte.
Bei Interesse: Mit „Ja" antworten.
[Jürgen, 12:43]
Ja.
PS: Lieber Zimtschnecken als Sachertorte. PPS: Mein Anwalt prüft das Ehrenamt. PPPS: Orient passt. Adieu.