top of page

Psychologische Charakterstudien in Belle Nuit

Als ich anfing, an Belle Nuit zu schreiben, war mir schnell klar: Das Setting – in der Swingerszene – ist nicht die Geschichte. Es ist die Bühne, auf der die eigentliche Geschichte erst passieren kann.


Manuel etwa nimmt sich vor, im Club nur zuzusehen. Bewusst, entschlossen, klar. Bis er neben Jürgen steht – und plötzlich beginnt sein Kopf zu rechnen: Minuten, Ausdauer, Vergleichszahlen, die kein Mensch je erheben sollte. Nicht, weil er unsicher ist. Sondern weil er, wie fast jeder Mann irgendwann, gelernt hat, Leistung mit Liebe zu verwechseln. Der Swingerclub liefert nur den Anlass. Die Selbstzweifel bringt er selbst mit, im Gepäck, ungefragt.

Clara wiederum trägt an diesem Abend schon etwas mit sich, das ihr hilft: Manuel hat ihr beigebracht, sich selbst zu mögen, nicht bloß zu ertragen. Was sich im Club dann aber wirklich verändert, ist nicht diese Selbstakzeptanz an sich – sondern das, was passiert, wenn sie plötzlich wirklich gesehen wird. Von Fremden. Ungefiltert. Ihr Selbstbewusstsein wächst nicht aus einem Vergleich mit anderen Körpern, sondern aus dem Moment, in dem sie merkt: Ich werde angesehen – und ich halte diesem Blick stand.

Genau das wollte ich mit Belle Nuit zeigen: Der Lifestyle ist der Rahmen, nicht der Inhalt. Die eigentliche Handlung findet im Kopf statt – zwischen dem, was man sich zutraut, und dem, was man insgeheim über sich selbst glaubt.

Deshalb ist Belle Nuit auch kein klassischer Erotikroman geworden, obwohl das Setting es nahelegen würde. Es ist eher eine Art psychologisches Kammerspiel mit sehr viel weniger Textilien als üblich. Die Erotik ist da, keine Frage – aber sie ist selten das eigentliche Thema. Sie ist der Auslöser, der zeigt, was Menschen über sich selbst denken, wenn niemand mehr zusieht außer sie selbst.

Wer also mit der Erwartung an dieses Buch herangeht, explizite Szenen abzuhaken, wird vermutlich enttäuscht. Wer stattdessen wissen will, was passiert, wenn zwei Menschen um die vierzig, fünfzig plötzlich all ihre alten Selbstbilder in einem fremden Raum wiederfinden – der ist bei Manuel und Clara goldrichtig.

Zartbitter eben. Nicht nur bei der Liebe. Auch beim Blick nach innen.

 
 
 

Comments


bottom of page